Nordische Mythen Wiki
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Name: Das dritte Sittengedicht
Edda: Lieder-Edda, Genzmer-Heusler-Ausgabe
Kapitel: Spruchweisheit
Übersetzung von: Simrock, Genzmer
Vorgänger: Die Lehren an Loddfafnir
Nachfolger: Einzelstrophen und Splitter


Vorwort[]

Dieser dritter Spruchweise macht den Eindruck eines Nachzüglers. Wir sind hier in ein ganz anderes Zeitalter gekommen; das Christentum macht sich bemerklich neben grell heidnischen Geboten der Faustrechtlehre: eine seltsame Mischung, wie sie ähnlich in isländischen Geschichten aus dem 12., 13. Jahrhundert begegnet.

Die Ruhe des selbstsicheren Weltbeschauers ist gewichen einem dringlichen Zureden, der trockne Scherz einen fast bänglichen Wesen. Durch die vom nordischen Altertum geschaffenen Formen vernimmt man den Tonfall der Kanzel.

Heusler

Dichtung[]

Diese Lehrstrophen legt das Liederbuch der von Sigurd erweckten Walküre in den Mund.

Genzmer Simrock
1 Das rat ich zum ersten, / dass du rechtschaffen dich
gegen deine Nächsten benimmst;
sei langsam zur Rache, / tun sie auch Leid dir an!
Das bringt Heil nach dem Hinscheiden.
Das rat ich zuvörderst, gegen Freunde stets
Ledig zu leben aller Schuld.
Sei zu Rache nicht rasch, wenn sie dir Unrecht tun,
Das sagt man, taugt im Tode.
2 Das rat ich zum andern, / dass du Eide nicht schwörst,
die der Wahrheit zuwider sind;
schlimme Fäden / sind an den Schwurbruch geknüpft;
verfemt ist der Friedenswolf. [1]
Das rat ich zum andern, keinen Eid zu schwören,
Der sich als wahr nicht bewährt.
Grimme Fesseln folgen dem Meineid,
Unselig ist der Schwurbrecher.
3 Das rat ich zum dritten, / dass auf dem Thinge du nicht
dich einlässt mit Elenden:
ein unweiser Mann / sagt ärgeres leicht,
als er wirklich weiß.
Das rat ich zum dritten, dass du beim Dingmahl nicht
Mit läppischen Leuten rechtest.
Ein unkluger Mann kann oft doch sagen
Schlimmere Dinge, denn er weiß.
4 Ganz schlimm ist´s, / schweigest du dazu:
dann findest man feige dich / oder nennt wahr sein Wort;
verloren der Leumund ist,
wenn man sich nicht wacker bewährt:
andern Tags
gib Tod dem Flaschen!
Lohn ihm die Lüge so!
Schlimm bleiben sie stets, denn schweigst du dazu,
So dünkst du blöde geboren,
Oder nicht mit Unrecht angeklagt.
Viel liegt am Leumund,
Drum gib dir Müh um guten.
Lass andern Tags sein Leben enden:
So lohne den Leuten die Lüge.
5 Das rat ich zum vierten, / wenn eine ruchlose Hexe
an deinem Wege wohnt:
gehen ist besser, / als Gast zu sein,
mag auch nahn die Nacht.
Das rat ich zum vierten, wenn eine Vettel, die
Am Wege wohnt, der Schanden voll,
Besser als bleiben dabei ist fortgehn,
übernähme dich auch die Nacht.
6 Augen voll Umsicht / brauchen Erdensöhne
bei feindlichem Gefecht:
schlimme Weiber / sitzen an Wege oft,
dämpfen Schlachtmut und Schwert. [2]
Muntrer Augen braucht ein Menschensohn,
Wo es kommt zu heißem Kampf.
Am Wege sitzen böse Weiber oft,
Die Schwert und Sinn betäuben.
7 Das rat ich zum fünften, / wenn du Frauen hold
auf der Bank erblickst: [3]
von den schön geschmückten / lass dir den Schlaf nicht rauben!
Begehre keinen Kuss!
Das rat ich dir fünftens, wo du schöne Frauen
Sitzen siehst auf den Bänken,
Lass Weiberschönheit dir den Schlaf nicht rauben,
Noch hoffe sie heimlich zu küssen.
8 Das rat ich zum sechsten, / wenn Rauschwort bei Männern
voll Hass sich erhebt:
nicht hadre trunken / mit Helmbäumen! [4]
Das Bewusstsein stiehlt Wein.
Das rat ich dir sechstens, wo Männer gesellig
Worte wechseln hin und her,
Trunken tadle nicht tapfre Männer:
Manchem raubt der Wein den Witz.
9 Lärm und Bier / ist Leuten gewesen
oft zum Unheil schon:
dem einen zum Tod, / dem andern zur Trübsal:
mannig ist Menschenleid.
Tobende Trunkenheit hat Betrübnis schon
Manchem Manne gebracht,
Einigen Unheil, andern den Tod;
Vielfältig ist das Leiden.
10 Das rat ich zum siebenten, / wenn mit Recken voll Mut
dir ein Streit entsteht:
sich schlagen ist besser / für den Schmuckträger,
als zu brennen im Bau. [5]
Das rat ich zum siebenten, wo du zu schaffen hast
Mit beherzten Helden,
Mehr frommt fechten als in Feuer aufgehn
Mit Hof und Halle.
11 Das rat ich zum achten, / dass du Arges meidest
und nicht Buhlstäbe brauchst: [6]
nicht verführe die Maid / noch die Frau des andern!
Nicht verlocke zur Liebschaft sie!
Das rat ich dir achtens. Unrecht zu meiden
Und List und lose Tücke;
Keine Maid verführe, noch des andern Gemahl,
Verleite sie nicht zur Lüsternheit.
12 Das rat ich zum neunten, / dass zur Ruh du bergest, [7]
wen auf dem Feld du findst,
mag er waffentot / oder wellentot
oder siechtumstot sein.
Das rat ich dir neuntens, nimm dich des Toten an,
Wo du im Feld ihn findest,
Sei er siechtot oder seetot,
Oder am Stahl gestorben.
13 Ein Bad soll man / dem Verblichenen rüsten,
waschen Hände und Haupt,
ihn kämmen und trockenen, / eh er kommt in den Sarg,
ihm Friedensruh erflehn.
Ein Hügel hebe sich dem Hingegangenen,
Gewaschen seien Haupt und Hand.
Zur Kiste komm er gekämmt und trocken,
Und bitte, dass er selig schlafe.
14 Das rat ich zum zehnten: / nicht Zutrauen schenke
dem Wort des Wolfssprossen, [8]
traf seinen Bruder dein Beil, / hast du den Vater gefällt:
ein Wolf steckt im Wachsenden, [9]
ward er auch begütigt durch Gold.
Das rat ich zum zehnten, zögre zu trauen
Gesipptem Freund des Feindes,
Dessen Bruder du umbrachtest,
Dessen Vater du fälltest:
Dir steckt ein Wolf im unmündigen Sohn,
Hat gleich ihn Gold beschwichtigt.
15 Glaube nicht, / dass der Grimm leicht schläft,
der Hader und Hass!
Witz und Waffen / muss der Wackre haben,
der gescheit erscheinen will.
Wähne Streit und Hass nicht eingeschlafen,
Noch halte Harm für vergessen.
Witz und Waffen wisse zu brauchen,
Der von allen der erste sein will.
16 Das rat ich zum elften, / dass du vor Unheil dich hütest,
welchen Weg es wandern mag.
Das rat ich dir elftens, betrachte das übel,
Welchen Weg es nehmen will.

Referenzen[]

  1. Friedenswolf: Brecher der Friedensgelübde
  2. Die Abstumpfung der Klingen durch Zauberer spielt in vielen Erzählungen
  3. Auf der Bankbühne = beim Gelage
  4. Helmbaum: Kenning für Krieger
  5. Lieber ein offener Waffengang als von dem Gegner 'drinnen verbrannt' werden. Schmuckträger: Umschreibung für den ringgeschmückten Mann
  6. Buhlstäbe, eigentlich Runen mit berückender Wirkung, dann übertragen für Verführungslisten.
  7. wörtl: 'dass du die Leichen bergest', d.h. ihnen Nase und Augen zudrücktest. Dies war Vorschrift im Heidentum.
  8. Der 'Wolfssprosse' meint wohl 'den Sohn dessen, mit dem du in Blutfehde standest'
  9. Der rachelustige Sohn (oder Bruder) des Getöteten wird mit dem Wolf verglichen
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