Nordische Mythen Wiki
Advertisement
Name: Atlakviða, Atlakvidha
Übersetzung: Die Sage von Atli
Weitere Namen: Das Alte Atlilied
Edda: Lieder-Edda
Kapitel: Heldenlieder
Übersetzung von: Simrock, Genzmer
Vorgänger: Oddrúnargrátr
Nachfolger: Altlamál


Vorwort[]

Im Jahre 436 hatte der römische Statthalter Aetius mit Hilfe eines hunnischen Söldnerheeres das rheinische Burgundenreich überfallen und zerstört und das Königsgeschlecht vernichtet. Siebzehn Jahre später heiratete Attila eine Germanin Hildiko. Sinnlos trunken erstickte er in der Hochzeitsnacht an einem Blutsturz.

Diese Ereignisse rückte die Sage zusammen und verband sie als Ursache und Wirkung miteinander: Attila war es, der das Burgundenreich zerstört hatte; um dies zu rächen, hatte ihn Hildiko ermordet. Man machte sie zur Schwester der Könige und gab ihr den Namen Grimhild, der mit dem Namen der Könige (Gibika, Gunthaharius usw.) stabte.

Diese Sage kann noch in ungebundener Rede erzählt worden sein. Ein gutes Jahrhundert später gestaltete man sie liedmäßig um: Nicht Eroberungslust, sondern Habgier hat Attila geleitet; er begehrte nach dem großen Goldschatz der Könige. Aus dem kriegerischen Angriff wurde eine verräterische Einladung an den Hunnenhof; dorthin verlegte man auch die Kämpfe. Wir sehen, wie das Heldenlied die staatlichen Ereignisse in rein menschliche umbildet.

Hierin erkennen wir das Urlied vom Burgundenuntergang. Die Grausamkeiten - Herzausschneiden, Schlangenhof, Ermodrung der eigenen Kinder, das grausige Mahl - sind vermutlich aus dem Mittelmeerkreise eingeströmt: Sage von Atreus und Thyestes, von Tereus und Prokne. Für diese war der Boden in dem neuen Burgundenreich nördlich vom Genfer See besonders günstig: Schon früh hat sich hier eine mittelländisch-germanische Mischkultur ausgebildet. Das Urlied wird also burgundisch gewesen sein.

Von den Burgunden ist das Lied über die Franken zu den Niedersachsen gelangt. Deren Dichtung zeigte ebenso wie die angelsächsische Geistlichkeit einen besonderen Stil. Den alten Gleichlauf hatte sie aufgegeben. Dafür war die Abwandlung (Variation) zu einem herrschenden äußeren Stilmittel geworden. Sie besteht darin, dass ein schon genannter Begriff durch einen anderen Ausdruck noch einmal wiedergegeben wird:

"Nun hüte der Rhein
der Recken Zwisthort,
der schnelle den göttlichen
Schatz der Niblunge."

Man liebte außerdem ungewöhnliche und zusammengesetzte Ausdrücke und malerische, kennzeichnende Beiwörter. Eine weitere niedersächsisch- angelsächsische Besonderheit liegt darin, dass man den Satz gerne über das Ende der Langzeile hinausgreifen lässt (Hakenstil). Dieser ist in das Atlilied eingedrungen (Str. 14, 32, 42).

Den Namen Grimhild, oberdeutsch Kriemhild, ersetzte man durch Gudrun, aus Gudrun, der zu Gundahari, nordisch Gunnar, noch besser passte; Grimhild nannte man nun die Mutter der Könige. Der Name Hagen, nord. Högni, ist vielleicht aus der Hildesage übernommen. In dieser Form ist das Lied gegen Ende des achten Jahrhunderts nach Norwegen gekommen. Hier hat es um 870 ein Skalde noch einmal umgeformt. Zuweisen können wir ihm unter anderem die Neigung zu preisenden Wendungen (Str. 9,3; 32,5; 44) und zu Aufzählungen (Str. 4, 5, 7, 14), vielleicht auch einzelne Anklänge an das Hunnenschlachtlied (Str. 5, 3, 4).

An dem Aufbau des Liedes und an der Reihenfolge der Hauptauftritte scheint auch dieser Dichter nichts wesentliches geändert zu haben. Wir dürfen also in dem Atlilied eine ziemlich getreue Wiedergabe des Urliedes vom Burgundenuntergang sehen.

Grenzmer

(Quelle: Die Edda: Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen, Felix Genzmer)

Dichtung[]

Gudrun, Giukis Tochter, rächte den Tod ihrer Brüder, wie das weltberühmt ist. Sie tötete zuerst Atlis Söhne, darauf tötete sie den Atli selbst und verbrannte die Halle mit allem Gesinde. Davon ist diese Sage gedichtet:

Simrock

Genzmer Simrock
1 Atli sandte Botschaft / aus zu Gunnar,
einen klugen Reiter, / Knefröd geheißen.
Er kam zu Gjukis Hof / und zu Gunnars Halle,
den herdnahen Bänken / und dem Bier, dem süßen.
Atli sandte einst zu Gunnar
Einen klugen Boten, Knefröd genannt.
Er kam zu Giukis Hof und Gunnars Halle,
An der Bank des Herdes zu süßem Gebräude.
2 Dort tranken die Getreuen / - doch betroffen schwiegen sie -
Wein in der Halle, / Hunnenzorn fürchtend.
Knefröd rief da / mit kalter Stimme,
des Südlands Gesandter, / er saß auf der Hochbank:
Das Gesinde trank - noch schwiegen die Listigen -
In der Halle den Wein in Furcht vor den Hunnen.
Da kündete Knefröd mit kalter Stimme,
Der südliche Gesandte; er saß auf der Hochbank:
3 "Atli entsandte mich, / auszureiten
auf kauendem Pferde / durch den pfadlosen Myrkwid,
euch beide zu bitten, / dass zur Bank ihr kämet
mit ringgeschmückten Helmen, / zu hausen bei Atli.
"Sein Geschäft zu bestellen, sandte mich Atli
Auf knirschendem Ross durch den unkunden Dunkelwald,
Auf seine Bänke euch zu bitten, Gunnar:
In häuslichen Hüllen suchet Atli heim.
4 Schilde könnt ihr da wählen / und geschabte Eschen,
goldgeschmückte Helme / und der Hunnen Menge,
silbernes Sattelzeug, / südländische Röcke,
Klingen, Lanzen, / kauende Pferde.
Da mögt ihr Schilde wählen und geschabte Eschen,
Hellgoldne Helme und hunnische Schwerter,
Schabracken goldsilbern, schlachtrote Panzer,
Geschoss krümmende, und knirschende Rosse.
5 Die weite Gnitaheide / will er euch geben,
klirrende Gere / und goldene Steven,
strahlende Kleinode, / die Gestade des Danp,
den mächtigen Wald, / den sie Myrkwid heißen."
Er gibt euch auch gerne die weite Gnitaheide,
Gellenden Ger nebst goldnem Steven,
Herrliche Schätze und Städte Danps,
Und das schöne Gesträuch, Schwarzwald genannt."
6 Das Haupt wandte Gunnar, / und zu Högni sprach er:
"Was sagst du, jüngrer Bruder, / da wir solches hören?
Nicht wüsste ich Gold / auf der Gnitaheide,
dass wir andres nicht hätten, / ebensovieles.
Das Haupt wandte Gunnar, zu Högni sprach er:
"Was rätst du uns, Rascher, auf solche Rede?"
"Gold wusst ich nie auf Gnitaheide,
Dass wir nicht sollten so gutes besitzen.
7

Saalhäuser haben wir, / sieben, voll Schwerter,
ein Griff von Golde / glänzt an jedem;
herrliche Bogen, / Brünnen von Golde,
mein einer ist besser / als alle der Hunnen;
mein Kampfross ist das beste,
mein Helm und Schild die hellsten
aus der Halle des Kjar." [1]
...

Sieben Säle haben wir der Schwerter voll,
Gold glänzen die Griffe jedem.
Mein Schwert ist das schärfste, der schnellste mein Hengst,
Die Bank zieren Bogen und Brünnen von Gold,
Hell glänzen Helm und Schild aus Kjars Halle gebracht.
Ich achte meine für besser als alle hunnischen.
8 Högni:
"Was, dünkt dich, riet die Frau, [2]
da sie uns den Ring sandte,
umwunden mit Wolfshaar?
Mich dünkt, dass sie Warnung bot!
Des Heidegängers Haar fand [3]
ich haften am Goldring:
wölfisch wird der Weg uns
zur Wohnung Atlis."
...
Was riet uns die Schwester,
die den Ring uns sandte,
In Wolfskleid gewickelt?
Sie warnt uns, dünkt mich.
Mit Wolfshaar umwunden
gewahrt ich den roten Ring:
Gefährlich ist die Fahrt,
die wir fahren sollen." -
9 Es schwiegen die Schwäger / und die Schwertmagen alle,
die Berater und Vertrauten / und die Reichen des Landes.
Wie dem König gebührt, / gebot da Gunnar,
der hehre in der Methalle, / hohes Mutes:
Nicht rieten's die Neffen, noch die nächsten Verwandten,
Nicht Rauner und Rater noch reiche Fürsten.
Gunnar gebot da, so gebührt es dem König,
Munter beim Mahl aus mutiger Seele:
10 "Erhebe dich, Fjörnir! / Lass durch die Halle wandern
von Hand zu Hand / der Helden Goldschalen!
"Steh nun auf, Fiörnir, lass um die Sitze kreisen
Der Helden Goldhörner durch die Hände der Knechte.
11 Genießen sollen Wölfe / des Nibelungenerbes,
grimme Grauröcke, / wenn Gunnar ausbleibt;
braunzottige Bären / sollen beißen mit den Hauern,
beglücken die Grauhunde, / wenn Gunnar nicht kommt!" [4]
Der Wolf wird des Erbes der Niflungen walten
Mit grauen Granen, wenn Gunnar erliegt;
Braunzottge Bären das Bauland zerwühlen
Zur Ergötzung der Hunde, kehrt Gunnar nicht heim."
12 Den Landherrn geleiteten / Leute ohne Tadel
aus dem Hof der Helden, / um den Heerkühnen weinend.
So sagte da der jüngere / Sohn des Högni:
"Wo Beherztheit euch hinführt, / fahret heil und klug!"
Den Landherrn geleiteten herrliche Leute,
Den Schlachtordner, seufzend aus den Sälen Giukis.
Da sprach der junge Hüter des högnischen Erbes:
"Fahrt nun froh und heil, wohin euch der Geist führt."
13 Ausschreitend ließen sie / laufen übers Berland
die kauenden Pferde / durch den pfadlosen Myrkwid.
Die Hunnenmark bebte, / wo die Hartgemuten zogen;
sie spornten die Renner / über sprießende Felder.
Über Felsen fliegen freudig ließen sie
Die knirschenden Pferde durch den unkunden Dunkelwald.
Die Hunnenmark hallte, wo die Hartmutgen fuhren,
Durch tiefgrüne Täler, trabten, baumhassende.
14 Das Hunnenland sahn sie / und die hohen Zinnen,
Budlis Krieger stehn [5] / auf der Burg, der hohen,
den Saal der Südvölker, / mit Sitzen erfüllt,
mit verbundenen Reihen / blinkender Schilde,
die eschenen Speere. / Doch Atli trank dort
Wein in der Walhalle. / Wächter saßen draußen,
Gunnar zu begegnen, / falls man zur Gastung käme
mit klirrendem Gere, / zu wecken Kampf dem Fürsten.
Himmelhoch in Atlis Land hoben die Warten sich.
Sie sahn Verräter stehn auf der steilen Felsburg,
Den Saal des Südervolks mit Sitzen umgeben,
Gebundenen Rändern und blanken Schilden,
Lanzen betäubenden: da trank König Atli
Den Wein im Waffensaal; Wächter saßen draußen
Gunnars Kriegern zu wehren, wenn sie geritten kämen
Mit hallenden Spießen, dem Herrscher Streit zu wecken.
15 Ihre Schwester sah es, / dass sie in den Saal traten,
ihre beiden Brüder - / das Bier hatte sie gemieden -:
"Verraten bist du, Gunnar! / Du reicher, was vermagst du
wider hunnische Hinterlist? / aus der Halle geh eilend!
Ihre Schwester sah dem Saale sich nahen
Die Brüder beide, wohl war sie bei sich.
"Verraten bist du, Gunnar! Reicher, wie wehrst du
Hunnischer Hinterlist? Aus dem Hofe eile bald.
16 Besser tätst du, Bruder, / in der Brünne zu reiten,
als mit ringgeschmückten Helmen / zu hause bei Atli.
Dann säßest du im Sattel / sonnenhelle Tage;
fahle Fesseln / ließest du Frauen beweinen, [6]
hunnische Heermaide / Harm erdulden,
und schicktest Atli / in den Schlangenhof.
Der Schlangenhof ist nun / beschieden dir selbst!"
Besser die Brünne, Bruder, trügst du
Als in häuslichen Hüllen Atli heimzusuchen.
Säßest besser im Sattel den sonnenhellen Tag
Und ließest bleiche Leichen leide Nornen klagen,
Hunnische Schildmägde Harm erdulden,
Senktest Atli selber in den Schlangenturm.
Nun werdet den Wurmsaal bewohnen ihr beiden." -
17 Gunnar:
"Versäumt ist's, Schwester, / zu sammeln die Niblunge,
zu weit ist's, die Helden / zur Heerfahrt zu entbieten
von des Rheines Rotgebirg, / die Recken ohne Tadel!"
"Zu spät ist's, Schwester, nun, die Niflungen zu sammeln,
Zu lang dem Geleite in dies Land ist der Weg
Durch rauhes Rheingebirg untadligen Recken."
18 Sie griffen Gunnar, / begannen ihn zu knebeln,
den Burgundenfreund, / und banden ihn fest. [7]
Da fingen sie Gunnarn und fesselten ihn
Mit schweren Banden, der Burgunden Schwäger.
19 Sieben erschug / mit dem Schwert Högni,
in heiße Flamme / flog der achte.
So besteht ein Held / im Streit die Feinde,
wie Högni bestand / (der Hunnen Überzahl.
Sieben schlug Högni mit scharfer Waffe;
Den achten warf er in heiße Ofenglut:
So soll sich der Wackre wahren vor Feinden.
...
20 [8] Sie fesselten Högni / mit harten Banden;
es gingen die Hunnen) / zu Gunnars Haft.
Sie fragten den Kühnen, / ob er kaufen wolle,
der Goten Herr, / mit dem Gold sein Leben.
Högni wehrte Gewalt von Gunnar.
...
Sie fragten den Fürsten, ob Freiheit und Leben
Der Gotenkönig mit Gold wolle kaufen.
21 Gunnar:
"Högnis Herz soll / in der Hand mir liegen,
blutig geschnitten / aus der Brust dem Helden
mit schlimmbeißendem Sachsschwert, / dem Sohne des Volkskönigs."
...
Mir soll Högnis Herz in Händen liegen:
Blutig aus der Brust des besten Reiters
Schneid es das Schwert aus dem Königssohn."
22 Sie schnitten dem Hjalli / das Herz aus der Brust;
blutig auf der Schüssel / brachten sie es Gunnar.
Sie hieben das Herz da aus Hiallis Brust:
Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.
23 So rief da Gunnar, / der Goten König:
"Hier hab ich das Herz / Hjallis des feigen,
ungleich dem Herzen / Högnis des kühnen:
nicht schwach bebt es, / da auf der Schüssel es liegt;
es bebte zwiefach, / da in der Brust es lag."
Da sagte Gunnar, der Goten Fürst:
"Hier hab ich Hiallis Herz des blöden,
Ungleich dem Herzen Högnis des kühnen.
Es schüttert sehr hier auf der Schüssel noch;
Da die Brust es barg bebt es noch mehr."
24 Da lachte Högni, / als zum Herzen sie schnitten
dem lebenden Helmschmied: [9] / zuletzt dacht er an klagen. [10]
Blutig auf der Schüssel / brachten sie es Gunnar.
Hell lachte Högni, da sie das Herz ihm schnitten.
Keiner Klage gedachte der kühne Helmschmied.
Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.
25 Jetzt rief Gunnar, / der Gerniblung:
"Hier hab ich das Herz / Högnis des kühnen,
ungleich dem Herzen / Hjallis des feigen:
gar schwach bebt es, / da auf der Schüssel es liegt;
es bebte minder, / da in der Brust es lag.
Froh sprach Gunnar, der fromme Niflung:
"Hier hab ich das Herz Högnis des kühnen,
Ungleich dem Herzen Hiallis des blöden.
Man sieht es nicht schüttern auf der Schüssel hier;
Da die Brust es barg bebt es noch minder.
26 [11] So wenig wird, Atli, / ein Auge dich sehen,
wie du selber, König, / die Kleinode schaust!
Einzig bei mir / ist allverholen
der Hort der Niblunge: / nicht lebt mehr Högni!
Bleib, Atli, nun aller Augen so fern,
Wie du stets den Schätzen sollst verbleiben.
Allein weiß ich nun um den verborgnen
Hort der Niflungen, da Högni tot ist.
27 Immer war mir Zweifel, / da wir zwei lebten:
aus ist er nun, / da nur ich lebe.
Zweifel hegt ich zwar, da wir zweie waren;
Nun ich nur übrig bin, ängst ich mich nicht mehr.
28 Nun hüte der Rhein / der Recken Zwisthort,
der schnelle, den göttlichen / Schatz der Niblunge!
Im wogenden Wasser / das Welschgold leute,
doch nimmer an den Händen / der Hunnensöhne!"
Nur der Rhein soll schalten mit dem verderblichen Schatz,
Er kennt das asenverwandte Erbe der Niflungen.
In der Woge gewälzt glühn die Waldringe mehr
Denn hier in den Händen der Hunnensöhne." -
29 Atli:
"Der Gefangene ist gebunden: / bringt nun den Wagen!"
der Zaumzerrer / zog den Schatzwart,
den Herrn der Schlacht, / hin zum Tod. [12]
...
"Herbei nun mit dem Wagen! In Banden ist der Held."
Doch führte zum Tode den Führer der Kampfschar,
Den Hüter des Hortes ein knirschender Hengst.
30 Atli, der reiche, / ritt auf Glaum,
der Sieggötter Spross, / von Speeren umringt.
Da sprach Gudrun, / Gjukis Tochter,
in die Trinkhalle tretend - / den Tränen wehrte sie -:
Auf mutger Mähre fuhr der mächtige Atli,
Von Schwertern bewacht sein Schwager daher.
Mit Harm sah Gudrun der Helden Leid:
Den Tränen wehrend trat sie in die tosende Menge:
31 [13] "So geh dir's, Atli, / wie du Gunnar einst
Eide geschworen / und oft geleistet
bei der südlichen Sonne / und Siegvaters Felsen,
bei dem Ross des Ruhbetts / und dem Ringe Ulls!"
"So ergeh es dir, Atli, wie du Gunnarn hältst
Oft geschworen Eide, die ihr einst gelobt
Bei der südlichen Sonne, bei des Sieggotts Burg,
Bei des Ehbetts Frieden, bei Ullers Ring."
32 Lebend legte / den Landherrn da
hin in den Hof / der Hunnen Schar,
wo Schlangen glitten. / Doch Gunnar schlug
mit der Hand die Harfe / hartes Mutes;
die Saiten klangen. / So soll ein kühner
Ringvergeuder / Reichtum hüten.
Den lebenden Fürsten legte der Wächter Schar
In den tiefen Kerker: da krochen wimmelnd
Scheußliche Schlangen. Es schlug Gunnar
Da einsam zürnend mit den Zehen die Harfe.
Hell schollen die Saiten: so soll das Erz
Ein gabmilder König den gierigen wehren.
33 Atli wandte / wieder heimwärts
das stampfende Ross / zurück vom Morde.
Gedröhn war im Hofe, / Gedränge der Pferde,
Waffenklang der Männer, / da vom Wald sie kamen.
Heimlaufen ließ da Atli
Die knirschenden Rosse, kehrend vom Mord.
Es rauschte rings von der Rosse Drängen
Und der Krieger Waffenklang, da sie kamen von der Heide.
34 Hinaus trat Gudrun / mit goldenem Becher,
Atli entgegen, / Vergeltung ihm zu bringen:
"Empfange, Fürst, / fröhlich in der Halle,
die zur Hel hingingen, / die Haustiere Gudruns!" [14]
Da ging entgegen Gudrun dem Atli
Mit goldenem Kelch den König zu ehren:
"Heil König! Nun hast du in der Halle bei dir
Als Gudruns Gabe die Gere der Toten!"
35 Es tönten die weinschweren / Trinkschalen Atlis,
da in der Halle die Hunnen / Unterhaltung pflogen;
die schnauzbärigen Krieger / kamen herein,
(die vom Morde Gunnars / aus Myrkheim nahten).
Atlis Aelbecher ächzten gefüllt,
Da hier in der Halle die Hunnen sich scharten,
Rauhbärtge Recken gereiht je zwei.
...
36 da trat in die Halle, / ihnen Trank zu bringen,
die hellwangige Frau / aus dem Fürstenstamme;
dem fahlen Fürsten / gab die furchbare den Imbiss,
gehorchend der Pflicht, / und hohnvoll sprach sie:
Heiter schauend schritt sie ihnen Schalen zu reichen,
Die hehre Frau, den Fürsten, und Bissen vorzulegen;
Doch Atli erbleichte, da sie ihn anfuhr:
37 "Deiner beiden Söhne / blutge Herzen,
Hüter der Schwerter, / hast du mit Honig gekaut.
Menschenfleisch magst du, / Mutiger, verdauen,
auf dem Sitz dann entsenden, / was dich gesättigt beim Bier.
"Du hast deiner Söhne, Schwerterverteiler,
Blutige Herzen mit Honig gegessen.
Ich meinte, Mutiger, Menschenbraten
Liebtest du zu essen und zum Ehrensitz zu senden.
38 Nimmer kommen / zu den Knien dir
Erp und Eitil, / älfroh beide;
vom Sitz im Saal / siehst du nimmer
die Goldspender / Gere schäften,
Mähnen stutzen, / Mähren spornen."
Nicht ziehst du künftig an die Knie dir
Erp noch Eitil, die Aelfrohen beiden;
Nie siehst du wieder vom hohen Sitze
Die Goldspender Gere schatten,
Mähnen schlichten und Mähren tummeln."
39 Getöse ward im Saal, / Toben der Mannen,
Wehruf unter Gewanden, / es weinten die Hunnen.
Das Weib allein / beweinte nimmer
ihre bärenkühnen Brüder / und blühenden Kinder,
die jungen, arglosen, / die sie von Atli gewann.
Da erscholl auf den Sitzen lautes Schrein der Männer,
Der Weiber ängstlicher Wehruf: sie weinten die Hunnensöhne.
Gudrun ganz allein nicht: die grimme weinte nie!
Nicht die bärkühnen Brüder noch die süßen Gebornen,
Die zarten, unmündgen, die sie mit Atli gezeugt.
40 Gold vergab da / die glänzend Weiße,
rote Ringe: / die Recken beschenkte sie.
Das Schicksal ließ sie wachsen / und die Schätze wandern;
die Königin schonte / der Schatzkammern nicht. [15]
Da säte Gold aus die Schwanenweiße,
Mit roten Ringen bereifte sie die Knechte.
Den Vorsatz zu vollführen ließ sie fließen das Erz;
Die Spenderin schonte der Schatzhäuser nicht.
41 Sorglos war Atli, / er hatte sinnlos getrunken;
nicht hatte er Waffen, / nicht wehrte er Gudrun.
Besser war das Spiel, / wenn beinahe sich oft
innig umarmten / vor den Edlingen!
Unklug hatte Atli sich übertrunken;
Unbewehrt war er, ungewarnt vor Gudrun.
Oft schien besser der Scherz, wenn sanft die beiden
Sich öfters umarmten vor den Edelingen.
42 Blut gab mit dem Schwerte / sie dem Bett zu trinken
mit helgieriger Hand; / die Hunde löste sie,
trieb sie vors Tor; / die Trunkenen weckte sie
mit heißem Bade: / so rächte sie die Brüder.
Mit dem Dolch gab sie Blut den Decken zu trinken
Mit mordlustger Hand; sie löste die Hunde;
Vor die Saaltür warf sie, das Gesinde weckend,
Die brennende Brandfackel die Brüder zu rächen.
43 Dem Feuer gab sie alle, / die innen waren,
den Bau der Budlunge: / Die Balken stürzten,
...
...
die Schatzkammern rauchten, / die Schildmaide innen
sanken entseelt / in sengende Lohe.
Alles Volk in der Veste dem Feuer gab sie,
Die Högnis Schlächter und Gunnars aus dem Schwarzwald kehrten.
Die alten Säle sanken, die Schatzkammern rauchten,
Der Budlungen Bau; da brannten die Schildmägde
Um die Jugend betrogen jäh in heißer Glut.
44 Die Mär hat ein Ende; / keine Maid tut je
in der Brünne ihr gleich, / die Brüder zu rächen:
Drei Königen / verkündete sie
Todesschicksal, / eh die Tapfre starb.
Nicht ferner verfolg ich's; keine Frau wird nun
Die Brünne mehr tragen und die Brüder rächen.
Volkskönge drei hat die edle Frau
In den Tod gesandt eh sie selber erlag.


Ausführlicher ist dies in dem grönländischen Atlamal erzählt.

Simrock

Referenzen[]

  1. Kjar ist ursprünglich der römische Caesar. Hier ist nur an einen reichen südlichen König zu denken.
  2. Die 'Frau' ist Gudrun
  3. der Heidegänger ist der Wolf
  4. Der überlieferte Text ist unsicher. Er scheint eine Selbstverwünschung Gunnars zu enthalten, wenn er die Fahrt unterließe. Die Grauhunde sind die Wölfe.
  5. Die Handschrift hat 'Bikkis Krieger'. Bikki gehört aber zu Jörmunrek. Budli ist der Vater Atlis.
  6. Der Text ist unsicher überliefert.
  7. Vorher hatte Atli wohl den Hort zum erstenmal gefordert
  8. Gunnar und Högni hatten vor ihrer Ausfahrt den hort in den Rhein versenkt und einander geschworen, den Ort nicht zuverraten, solange der andre lebe.
  9. Helmschmied: der im Kampf auf die Helme hämmert
  10. Zuletzt: gar nicht
  11. Die Verse scheinen auf Atlis nahen Tod hinzudeuten.
  12. Die verschnörkelte Übermalung eines späteren. Der Zaumzerrer ist das pferd; der Schatzwart und der Herr der Schlacht ist Gunnar.
  13. Die Verse sind als Selbstgespräch Gudruns aufzufassen. Siegvater ist Odin. Das Ross (Träger) des Ruhebetts ist das Haus oder das Schlafgemacht. Ull ist ein in älterer Zeit in Skandinavien viel verehrter Gott. Besonders feierliche Ride wurden auf den Tempelring und mehrmals geleistet.
  14. Zeile 4,7,8: Zielt zweideutig auf die Hinschlachtung der Söhne Erp und Eitil.
  15. Gudrun verteilt den Königsschatz, um die Krieger zu beschwichtigen.
Advertisement