Nordische Mythen Wiki
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Name: Atlamál in grœnlenzku, Atlamál
Übersetzung: Das Grönländische Atlilied
Weitere Namen: Das jüngere Atlilied
Edda: Lieder-Edda
Kapitel: Heldenlieder
Übersetzung von: Genzmer, Simrock
Vorgänger: Atlakviða
Nachfolger: Guðrúnarhvöt


Vorwort[]

Wie das "Jüngere Siegurdlied" strebt auch dieses Lied nach Seelenschau. Die ausführlich dargestellten aufwühlenden Zwiesprachen der erbitterten Gatten kennzeichnen ihr inneres Wesen. Auch der an Handlung reichere erste Teil ist aufgeschwellt. Der Dichter hat Nebengestalten eingeführt (Glaumwör, Kostbera oder Bera; Snäwar, Solar und Orkning) und ruhende Auftritte aufgenommen. Die strahlende Fürstenwelt hat er in qualmenden Nebel getaucht. Wie kein andrer Eddadichter hat er die Könige zu Bauern gemacht. Wenn Gudrun Atli vorwirft, dass er sich als fiedfertiger Klageführer benommen hätte, spielt der Dichter auf die isländischen Thinghändel an. Auf Grönland deutet außerdem Titel der Eisbär. Zwischen dem Burgundenland und dem Hunnenreich denkt sich der Dichter das Meer. Auf ihrem Wege müssen die Könige den dänischen Limfjord überschreiten. Dass sie so gewaltsam rudern, offenbart uns, wie grimmig die Helden zum Tode entschlossen sind; dass sie das Fahrzeug treiben lassen, zeigt, dass sie auf keine Rückkehr hoffen. Mit dem Sohn Högnis, über den wir gar nichts erfahren haben, hat der Dichter etwas aus niederdeutscher Sage aufgeschnappt und es in wunderlich unbeholfener Weise in sein Gedicht eingefügt. Wenn von Atlis Bruderzwist die Rede ist, so spielt Gudrun darauf an, dass Attila einen Bruder beseitigt hat, ein geschichtlicher Zug, der sonst im Norden nicht bekannt ist.

Die Sprache des Liedes ist bald reine Prosa; bald versteigt sie sich zu gesuchten Ausdrücken wie die Kenninge Fußzwerge für Zehen und Schlachtenbaum für Krieger. Die Eingangsgesätze lassen deutlich erkennen, dass der Dichter die Sage als bekannt voraussetzt; sonst wären seine hin und herwogenden Anspielungen nicht zu verstehen. Das Versmaß, das Kurzzzeilen von 5 bis 6 Silben voraussetzt und den kräftigen stumpfen Schluss vermeidet, ist genau nachgebildet.

Der Schluss des Liedes besagt, dass Gudrun sich ertränken will, dass das Schicksal sie aber für eine dritte Ehe aufgespart hat.

Genzmer

(Quelle: Die Edda: Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen, Felix Genzmer)

Dichtung[]

Genzmer Simrock
1 Das Volk weiß von Feindschaft, / wie vormals Beratung
die Männer machten; / die waren den meisten schädlich.
Sie schufen Verschwörung, / schlimm war's für diese
und für die Erben Gjukis, / die man arglistig täuschte.
Die Welt weiß die Untat, wie weiland Männer
Huben Rat zu halten, und den heimlichen Vorsatz
Mit Schwüren bestärkten. Sie selber büßten es
Und die Erben Giukis, die arg betrognen.
2 Reckenlos reifte, / nicht recht war ihr Sterben;
übel tat Atli, / der noch Einsicht hatte:
Schrecken schuf er sich, / er zerschlug seine Stützen;
die Schwäger lud er tückisch, / dass schnell sie kämen.
Die Fürsten erfasste ihr feindlich Geschick.
übel beriet sich Atli bei aller Klugheit:
Die Stütze stürzt er sich im Streit mit sich selbst.
Er sandte schnelle Boten dass seine Schwäger kämen.
3 Klug war die Königin, / sie kannte Vorsicht;
sie hörte die Hinterlist, / was sie heimlich sprachen.
Sie wollte sie warnen; / die Weise war hilflos:
man segelte seewärts; [1] / sie selbst musste bleiben.
Die schlaue Hausfrau sann auf Mannesklugheit;
Sie wusste die Worte, die heimlich gewechselten.
In Not war die Weise, die sie retten wollte:
Die Gesandten sollten segeln, sie selbst daheim sein.
4 Einschnitt sie Runen; / die änderte Wingi,
eh er sie abgab: [2] / ein Unheilschmied war er.
Auszogen also / Atlis Gesandte
hin über Limafjord, [3] / wo die Helden wohnten.
Da ritzte sie Runen: die verritzte Wingi
Eh er sie abgab, der Unheilstifter.
Die Schiffe steuerten die Gesandten Atlis
Durch den armreichen Sund, wo die Schnellen wohnten.
5 Sie zeigten sich gastfrei, / sie entzündeten Feuer:
nicht ahnten sie übles, / als die andern gekommen.
Sie nahmen die Gaben, / die der glänzende sandte,
hängten's an die Säule: / sie sahn nichts dahinter.
Bei festlicher Freude ward Feuer gezündet;
Ob ihrer Ankunft nicht ahnten sie Trug.
Die der Schwager geschickt, die Geschenke nahmen sie
Und hingen sie arglos auf an der Säule.
6 Kostbera kam da, / die klug besonnene,
und begrüßte die Gäste; / sie war die Gattin Högnis.
Gütig war auch Glaumwör, / Gunnars Eheweib; [4]
nicht fehlte ihr Sitte: / sie sorgte für die Fremden.
Högnis Hausfrau hört es, Kostbera.
Da ging die kluge und grüßte die Boten.
Auch Glaumwör, Gunnars Gattin freute sich;
Sie gedachte der Pflicht und pflegte die Gäste.
7 Sie luden auch Högni, / falls er dann lieber käme; [5]
fest stand die Falschheit, / wenn sie Vorsicht übten.
Da verhieß es Gunnar, / wenn Högni wolle;
Högni bejahte das, / was jener beschlösse.
Sie luden auch Högni, ob er dann lieber käme:
Offen war die Arglist, beachteten sie's.
Da verhieß es Gunnar, wenn Högni wolle;
Doch Högni bestritt was der Herrscher dafür sprach.
8 Met brachten Mädchen, / das mahl war reichlich,
viel Hörner kreisten, / bis kräftig gezecht war.
Das Lager rüsteten, / wie es recht schien, die Gatten.
Met brachten die Maide, es mangelte nichts;
Die Füllhörner kreisten bis es völlig genug schien.
Gebettet ward den Boten aufs allerbeste.
9 Klug war Kostbera, / sie war kund der Runen;
die Lautzeichen las sie / am lichten Feuer.
Aber ihr zögerte / die Zunge am Gaumen:
sie waren verworren; / nicht wusste sie die Deutung.
Klug war Kostbera und kundig der Runen.
Sie besah die Lautstäbe bei des Lichtes Schein,
Und zwang die Zunge zu zwiefachem Anschlag:
Denn sie schienen umgeschnitzt und schwer zu erraten.
10 Bald ging mit Bera [6] / zu Bett drauf Högni;
die Höfische träumte, / sie hehlte es nimmer:
die Frau sprach zum Fürsten, / als sie frei war vom Schlafe:
Zu Bette ging sie mit dem Gatten darauf.
Die Leutselge träumte; auch leugnet es nicht
Die weise dem Gemahl, als er morgens erwachte.
11 "Von hinnen willst du, Högni; / hör auf den Ratschlag!
Wenige sind runenkund; / reise ein andermal!
Ich riet die Runen, / die geritzt deine Schwester:
nicht hat die edle / dich eingeladen.
"Von Haus willst du, Högni: hüte dich wohl.
Nicht viele sind vollklug: fahr ein andermal.
Ich erriet die Runen, die dir ritzte die Schwester:
Nicht hat dich die lichte geladen zu Haus.
12 Kraus dünkt mich dieses: / ich kann mir nicht denken,
was da war mit der weisen, / dass verworren sie ritzte;
denn es deutete darauf, / als ob drunter wäre
euer beider Ende, / wenn ihr bald kämet:
ein Stab fehlt dem Weibe, / oder am Werk sind andre."
Eins fiel mir auf: ich ahne noch nicht
Was der weisen begegnete, so verworren zu schneiden.
Denn so war es angelegt, als lauschte darunter
Euch tückisch der Tod, trautet ihr der Ladung;
Doch ein Stab fiel aus, oder andre fälschten es."
13 Högni
"Alle sind arwöhnisch; / meine Art ist es nimmer:
nicht such ich nach solchem, / muss ich Sühne nicht fordern.
Mit glutrotem Golde / begabt uns der König;
Furcht ist mir ferne, / mag Gefahr auch drohen."
Högni:
Misstrauisch seid ihr; mir mangelt die Kunde,
Und lass es bewenden bis wir's zu lohnen haben.
Mit glutrotem Golde begabt uns der König.
Sah ich auch Schreckliches, ich scheue vor nichts.
14 Kostbera
"Euer Fuß wird straucheln, / wenn zum Fürsten ihr strebet;
gute Gastfreundschaft / gibt es dort nimmer.
Mit träumte, Högni, - / nicht hehlen will ich's;
es weht euch zuwider, / oder es warnt mir grundlos -:
Kostbera:
übler Ausgang droht, wenn ihr dahin eilt,
Nicht freundlichen Empfang findet ihr diesmal.
Mir träumte heut, Högni, ich hehl es nicht:
Die Fahrt gefährdet euch, wenn mich Furcht nicht trügt.
15 Dein Bettuch sah ich, Högni, / brennen im Feuer;
durch mein Haus raste / die hohe Lohe."
Lichte Lohe sah ich dein Laken verzehren:
Hoch hob sich die Flamme meine Halle durchglühend.
16 Högni:
"Linnenzeug liegt hier, / das ihr leicht verschmerzet;
bald wird es brennen, / da du Bettücher schautest."
Högni:
Hier liegt Leinwand, die ihr längst nicht mehr achtet:
Wie bald verbrennt sie! Bettzeug schien dir das.
17 Kostbera:
"Einen Bären sah ich kommen: / er zerbrach die Pfosten;
so schwang er die Pranken, / dass Schrecken uns packte.
Sein Maul fasste manchen, / so dass wir machtlos waren;
ein Gewühl auch wurde, / wahrlich kein kleines."
Kostbera:
Ein Bär brach hier ein, der uns die Bänke verschob
Mit kratzenden Krammen: wir kreischten laut auf.
In den Rachen riss er uns; wir rührten uns nicht mehr.
Traun, das Getöse tobte nicht schlecht.
18 Högni:
"Ein Wetter wird wachsen, / wild wird es rasen;
vom Eisbären träumtest du: / das wird Oststurm geben."
Högni:
Ein Ungewitter kommt über uns:
Ein Weißbär schien dir der Wintersturm.
19 Kostbera:
"Einen Aar sah ich fliegen / durch die offne Halle,
das muss Böses bringen, / mit Blut übergoss er uns.
Nach dem Schrei schien er / mit der Schutzgeist Atlis." [7]
Kostbera:
Einen Adler sah ich schweben all den Saal uns entlang.
Das büßen wir bald: mit Blut beträuft er uns;
Sein ängstendes Antlitz schien mir Atlis Hülle.
20 Högni:
"Schnell werden wir schlachten, / dann schauen Blut wir:
oft meint es Ochsen, / wenn von Aaren man träumte.
Ohne Arg ist Atli, / was immer dir träume." -
Sie ließen es ruhen; / geredet ward nicht länger.
Högni:
Wir schlachten bald: da muss Blut wohl fließen;
Ochsen bedeutet's oft, wenn man von Adlern träumt.
Treue trägt uns Atli was dir auch träumen mag. -
Sie ließen es beruhn; alle Rede hat ein Ende.
21 Aufwachen die Edeln, [8] / ähnlich war der Hergang;
in Angst war Glaumwör: / sie sah Unheil in Träumen.
Der König und die kluge / erklärten sie verschieden.
Das Königspaar erwachte: da kam es auch so.
Glaumwör gedachte bedeutender Träume,
Die Gunnarn hin und her hinderten zu fahren.
22 Glaumwör:
"Einen Galgen sah ich stehen; / du gingest zum hängen.
Schlangen fraßen dich; / du schienst mir noch lebend.
Der Rater Schicksal kam - [9] / rätst du, was das meinte?
Glaumwör:
Einen Galgen glaubt ich dir, Gunnar, gebaut.
Nattern nagten dich und noch lebtest du.
Die Welt ward mir wüst: was bedeutet das?
23 Eine Klinge sah ich blutig / aus dem Kleid dir gezogen;
traurig ist's, dem Trauten / solchen Traum zu sagen.
Vom Ger sah ich, Gunnar, / dich ganz durchstoßen.
Bös heulten Wölfe / auf beiden Seiten."
Aus der Brünne blinkte ein blutig Eisen;
Hart ist, solch Gesicht dem Geliebten sagen.
Der Ger ging dir ganz durch den Leib
Und Wölfe heulen hört ich zu beiden Seiten.
24 Gunnar:
"Rüden werden rennen, / rüstig bellen sie:
Kläffen der Meute / kündet oft Gerwurf."
Gunnar:
Lose Hunde laufen mit lautem Gebell:
Kötergekläff verkündet der Lanzentraum.
25 Glaumwör:
"Einen Gießbach sah ich gehen / durch die ganze Halle:
erbitter brauste er, / die Bänke stürzt er.
Euch beiden Brüdern / brach er die Füße;
nicht weichen tat das Wasser: / das weist auf etwas."
Glaumwör:
Einen Strom sah ich schäumen den Saal hier entlang:
Er stieg und schwoll und überschwemmte die Bänke.
Euch Brüdern beiden zerbrach er die Füße;
Nichts dämmte die Flut: das bedeutet was.
26 Gunnar:
("Felder werden wachsen, / wo du den Fluss schautest;
den Fuß stehen Grannen, / wenn durch Felder wird gehen.") [10]
Ohne Übersetzung
27 Glaumwör:
"Frauen sah ich, tote, [11] / im Finstern herkommen,
ärmlich angetan, / dich abzuholen;
zur Bank entboten sie / dich bald zu kommen:
mich dünkt, dass unhold / dir die Disen geworden."
...
Weiber sah ich, verstorbne, im Saal hier nachten,
Kampflich gekleidet, dich zu kiesen bedacht.
Alsbald auf ihre Bänke entboten sie dich:
Von dir schieden, besorg ich, die Schutzgöttinnen.
28 Gunnar:
"Zu spät zum Gespräch ist's: / versprochen ist's also,
die Fahrt ist befohlen; / ich entflieh nicht dem Schicksal.
So könnte es kommen, / dass wir kurzlebig wären."
Gunnar:
Das sagst du zu spät, da es beschlossen ist:
Wir entfliehn der Fahrt nicht, die wir zu fahren gelobten.
Vieles lässt glauben, dass unser Leben kurz ist. -
29 Man sah sich's röten: / bereit erklärten sich
alle zum Aufbruch; / abrieten manche.
Fünf bei dem Zug waren - / zweimal so viele
ließ man zu hause; / überlegt war es übel: [12]
Mit leuchtendem Lichte die reiselustigen
Eilten zum Aufbruch; andere ließen's.
Nur fünfe fuhren, und doppelt so viel nur
Des Gesindes noch, denn schlecht war's bedacht.
30 Snäwar und Solar, / die Söhne Högnis;
auszog noch einer, / Orkning hieß man ihn, [13]
freundlich war der Schildbaum, [14] / seiner Frau Bruder.
Snäwar und Solar waren Högnis Söhne;
Der fünfte fuhr Orkning in der Fürsten Zahl,
Der schnelle Schildträger, der Schwager Högnis.
31 Die Frauen folgten, / bis die Föhrde sie trennte;
die lichten warnten lange: / sie ließen sich nichts sagen.
Ihnen folgten die Frauen bis die Furt sie schied.
Stets hemmten die Holden; man hörte sie nicht.
32 Glaumwör begann da, / die Gunnar hatte;
sie redete zu Wingi, / wie es recht sie dünkte:
"Wer weiß, ob die Bewirtung / nach Wunsch ihr lohnet!
Frevel ist die Einkehr, / steckt Falsches dahinter."
Da begann Glaumwör, Gunnars Gemahl,
Zu Wingi gewandt wie ihr würdig schien:
"Ich weiß nicht, wie ihr guten Willen uns lohnt:
Hier warst du ein arger Gast, wenn übels dort geschieht.'
33 Da verschwor sich Wingi, / er schonte sich wenig:
"Holen ihn die Riesen, / wer auf Verrat sänne!
Dem Galgen verfalle, / wer an Friedensbruch dächte!"
Da verschwur sich Wingi und schonte sich wenig:
"Führe mich der Jote hin wofern ich euch log:
Am Galgen will ich hängen, heuchelt ich Frieden."
34 So sagte Bera, / ihr Sinn war freundlich:
"Gesund nun segelt! / Sieg gewinnet!
Werde, was ich wünsche! / Zu warnen hilft nichts."
Da hub Bera an aus biederm Herzen:
"Segelt denn selig und Sieg geleit euch!
Werd es wie ich wünsche und wehre dem nichts."
35 Högni erwiderte, / er war hold den Seinen:
"Tröstet euch, ihr Treuen, / wie sich's auch treffen möge!
Oft sagt man Segen, / umsonst ist es dennoch;
den meisten nützt wenig, / welcher Wunsch sie geleitet."
Da hüb Högni an Freunden Heil erwünschend:
"Seid weis und wohlgemut, wie es ergehe!"
So sprechen viele, doch unterschiedlich ist's,
Denn manchem liegt wenig an dem Geleiter.
36 Sie schauten aufeinander, / bis sie scheiden mussten.
Das Geschick, mein ich, waltete; / ihre Wege trennten sich.
Sie sahen sich noch nach bis sie sich entschwanden;
Da teilten sich die Schicksale, schieden sich die Wege.
37 Sie ruderten rüstig, / fast riss es den Kiel durch,
rückwärts in die Riemen; / sie gerieten in Hitze:
die Bänder barsten, / es brachen die Plöcke;
unbefestigt blieb das Fahrzeug, / als sie fortzogen.
Sie ruderten kräftig, der Kiel schier zerbarst,
Schwenkten sich stark zurück mit eifrigen Schlägen:
Die Rührpflöcke rissen, die Ruder zerbrachen.
Unbefestigt blieb das Fahrzeug, da sie zu Lande fuhren.
38 Und etwas später, / zu Ende erzähl ich's,
erblickten den Hof sie, / den Budli hatte.
Laut hallte das Hoftor, / als Högni anschlug.
Unlange wahrt es nun, lasst es mich kürzen,
So sahn sie die Burg stehn, die Budli besessen.
Laut klirrten die Riegel, da Högni klopfte.
39 Dies Wort sprach Wingi, / unterwegs sollt es bleiben:
"Fern bleibt dem Hause! / Gefährlich ist's zu nahen:
seh bald euch brennen, / das Beil euch zerhauen.
Freundlich lud ich euch; / Falschheit war dahinter.
Sonst rastet ein wenig, / bis ich gerichtet den Galgen!"
Ein Wort sprach da Wingi, würd es verschwiegen!
"Fährt fern vom Hause; Gefahr bringt der Eintritt.
Leicht gingt ihr ins Garn, und gleich erschlägt man euch.
Ich trieb euch traulich, doch Trug stak darunter.
Oder bleibt auch hier, so bau ich euch den Galgen."
40 Dies Wort sprach Högni, / zu weichen dacht er nicht,
er wahrte sich wenig, / wo es Bewährung heischte:
"Gib's auf, uns zu ängsten! / Ofter versuch's nicht!
Ein Wort sag weiter, / so wächst dein Unheil!"
Dawider sprach Högni, nicht zu weichen bedacht;
Ihn ängstete gar nichts, wo es galt sich versuchen:
"Du sollst uns nicht schrecken, sieh, es gerät nicht:
Wagst du ein Wort noch, wird dir langes übel."
41 Sie hieben auf Wingi / und wiesen zur Hel hin,
setzten an die Äxte, / bis er ausgeröchelt.
Da hieben sie Wingi zu Hel ihn zu senden,
Gebrauchten der Äxte, bis der Atem ihm schwand.
42 Es scharten sich die Hunnen, / schlüpften in die Brünnen;
der Zaun war dazwischen, / so zogen sie näher.
Mit Worten bewarfen sich / wutentbrannt alle:
"Längst stand es fest uns, / euch das Leben zu nehmen."
Atli mit dem Volk fuhr in die Panzer.
Gerüstet rannten sie der Ringmauer zu.
Gewechselt wurden viel Worte des Zorns:
"Lange gelobt war's, euch das Leben zu rauben." -
43 Högni:
"Schlecht ist's zu sehen, / dass euch solches feststand:
noch seid ihr nicht fertig, / und gefällt liegt einer,
zur Hel hingesandt, / er gehörte zu den Euren."
...
"Wenig gewahrt man noch was ihr wider uns vorhabt.
Euch sehn wir unbereit; wir aber schlugen
Und erlahmten einen von euerm Geleit."
44 Wütend wurden sie, / als sie das Wort hörten:
sie regten die Finger / und fassten die Sehnen,
schützten sich mit Schilden / und schossen heftig.
Wutgrimm wurden die das Wort vernahmen.
Sie reckten die Finger, fassten die Schnüre
Und schossen scharf, mit den Schilden sich deckend.
45 Ankam da Botschaft, / was sie außen vollbrachten,
laut vor die Halle; / sie hörten's vom Knechte.
Nun ward es innen kund was außen geschah.
Sie hörten der Knechte Gespräch vor der Halle.
46 Grimm war da Gudrun, / als sie das Grause hörte,
die Halsbandgeschmückte; / hinwarf sie alles,
schleuderte das Silber, / dass zerschellten die Ringe.
Der Grimm trieb Gudrunen, da sie das Graun vernahm:
Im Zorn zerrte sie die Zierde der Halsketten,
Schleuderte das Silber, dass die Ringe schlissen.
47 Hinaus eilte sie, / stieß auf die Türen
und begrüßte die Gäste; / nicht gab sie sich furchtsam.
Sie umarmte die Niblunge / zum allerletzten Gruße,
darin war Ehrlichkeit; / andres noch sagte sie:
Aus ging sie, unsanft die Angeln schlagend,
Furchtlos trat sie vor und empfing die Gäste,
Liebkoste den Niflungen - der letzte Gruß war's -
Mit Herzen und Halsen; dann hub sie an und sprach noch:
48 "Daheim wollt ich euch halten, / Hilfe sucht ich drin;
dem Geschick entgeht keiner: / kommen musstet ihr."
Besonnen versuchte sie, / ob Versöhnung möglich;
ablehnten alle, / nicht einer folgte ihr.
"Ich sandt ein Sinnbild euch zu schrecken damit;
Dem Schicksal widersteht man nicht: ihr solltet nun kommen."
Noch vermitteln möchte sie's mit manchem klugen Wort;
Niemand riet dazu, nein, riefen alle.
49 Die hochgeborne sah da, / dass man hartes Spiel trieb:
auf Heldentat dachte sie, / warf hin den Mantel;
ein blankes Schwert nahm sie / und schützte die Brüder.
Nicht sanft war das Streiten, / wo die Starke eingriff.
Da sah die Seliggeborne den bittern Kampf begonnen.
Erkeckt zu kühner Tat warf sie das Kleid hin,
Schwang das bloße Schwert und schützte der Freunde Leben.
Behaglich war sie nicht im Kampf wohin sie kam.
50 Zwei Fechter ließ die Fürstin / auf die Flur sinken:
sie traf ihren Schwager, / man trug ihn von hinnen,
so verschärfte die Schlacht sie, / sie schlug ihm das Bein ab;
den nächsten hieb sie nieder, / dass er nimmer aufstand,
sandte hin zur Hel ihn, / ihre Hände bebten nicht.
Giukis Tochter traf tödlich zwei Männer.
Den Bruder Atlis schlug sie, dass man ihn bahren musste:
Bis ein Fuß ihm fehlte focht sie mit ihm.
Den andern hieb sie also, dass er Aufstehns vergaß:
Den hatte sie zu Hel gesandt; ihre Hände bebten nicht.
51 Einen Strauß stritten sie, / der wird stets gepriesen;
das glänzte über alles, / was die Gjukunge taten:
die Niblunge, sagt man, / eh sie niedersanken,
schufen Schwerkampf, / zerschlissen Brünnen,
zerhieben Helme, / wie das Herz sie lehrte.
So ward die Wehr hier, dass es weltkund ist;
Doch ging über alles gar was die Giukungen wirkten.
So lange sie lebten ließen die Niflungen
Die Schwerter schwirren, schwinden die Brünnen;
Helme zerhieben sie nach Herzensgelüsten.
52 Sie kämpften den Morgen, / bis der Mittag sich neigte,
die Dämmerung hindurch / und drauf den Vormittag.
Dann war fertig das Fechten, / die Flur schwamm im Blute.
Achtzehn fielen eher - / Oberhand gewannen sie -,
auch Beras Bruder / und ihre beiden Söhne. [15]
Sie stritten den Morgen über Mittag hinaus,
Von erster Frühe zu voller Tageshöh.
Vom Blute floss das Feld, erfüllt war der Kampf.
Ihrer achtzehn fielen - die Feinde siegten -
Beiden Söhnen Beras und ihrem Bruder Orkning.
53 Der rasche zur Rede griff, / der Erregung nicht achtend:
"Übel ist's anzuschaun, / euch nenn ich schuldig.
Es traten der Degen / euch dreißig entgegen; [16]
nun leben nur elf noch, / eine Lücke ist ausgebrannt.
Atli begann grimmig das Wort:
"Üble Schau ist hier und Euer die Schuld.
Hier standen dreißig streitbare Degen;
Nur elfe sind übrig: zu arg ist die Lücke!
54 Wir waren fünf Brüder, / als wir Budli verloren;
bei Hel weilt die Hälfte; / zerhaun liegen zweie. [17]
Fünf Brüder waren wir, als Budli starb:
Nun hat Hel die Hälfte, verhauen liegen zweie!
55 Schwerter hab ich, hohe, / das helhe ich nimmer,
eine Frau zum Fluche, / des freu ich mich wenig.
Gemach fand ich selten, / seit sie vermählt mir wurde;
(übles hat angetan / mir immer ihre Sippe:)
den Reichtum entrissen, [18] / geraubt die Verwandten;
zur Hel stieß ihr die Schwester, / am herbsten fühl ich das."
Herrliche Schwäger hätt ich, ich leugne es nicht;
Unweibliches Weib! Wenig genieß ich's.
Wir stimmten selten seit ich dich nahm.
Ihr habt mich des Reichtums beraubt und der Freunde,
Meine Schwester erschlagen: am schwersten härmt mich das!"
56 Gudrun:
"Sprichst du also, Atli? / Zuerst tatest du so,
da du mir die Mutter / gemordet um Ringe.
In der Höhle verhungern / ließest du die Base. [19]
Lächerlich dünkt mich's, / wenn du dein Leid klagst;
den Göttern dankte ich's, / ginge dir's übel."
Gudrun:
Gedenkst du des, Atli! Du tatest zuerst so.
Du hast mir die Mutter ermordet um Schätze:
In der Höhle zu verhungern war der Hehren Los.
Lächerlich lässt es dir deines Leids zu gedenken:
Durch Gnade der Götter ergeht es dir übel.
57 Atli:
"Euch Jarlen gebiet ich, / den Jammer zu mehren
dem verwegnen Weibe; / gewahren muss ich's.
Ans Werk geht wacker! / Weinen soll Gudrun,
ihr Glück soll vergehen; / das begehr ich zu schauen.
Atli:
Nun mahn ich euch. Mannen, mehrt den Harm
Dem stolzen Weibe: das sah ich gern!
Erkämpft aus Kräften, dass Gudrun klagen müsse.
Das lüstet mich zu schaun, dass ihr Los sie schmerze.
58 Legt Hand an Högni, / häutet mit dem Messer ihn!
Schneidet das Herz aus, / geht hurtig zu Werke!
Gunnar, den grimmen, / an den Galgen hänget!
Vollendet es eifrig, / ladet ein die Schlangen!"
Bemeistert euch Högnis, dass ein Messer ihn teile,
Reißt ihm das Herz aus, seid rasch zur Tat;
Den grimmen Gunnar, an den Galgen hängt ihn,
Knüpft scharf den Strang, ladet Schlangen dazu.
59 Högni:
"Tu, was dich gelüstet! / Lachend erwart ich's;
Fest wirst du mich finden: / zuvor trug ich Härteres.
Keile kriegtet ihr, / als wir bei Kräften waren;
nun versehrten uns Wunden, / da magst du selbst walten."
Högni:
Tu nach Gefallen, getrost erwart ich's:
Doch hart bewähr ich mich, der wohl Herberes litt.
Wir hielten euch Stand, da wir heil waren:
Nun sind wir so wund, du hast volle Gewalt. - [20]
60 Das sagte Beiti, / des Budlungs [21] Hausmeister:
"holen wir Hjalli! / Högni retten wir.
Zerhaun wir den Halbnarren! / Für Hel taugt er besser:
nicht lebt er so lange, / dass er lässig nicht hieße."
Da redete Beiti, der Burgwart Atlis:
"Lasst uns Hialli fangen und Högni schonen.
Uns hilft das halbe Werk, und ihm gehört sich das:
Wie lang er leben mag, ein Lump doch bleibt er."
61 Verzagt war der Topfhüter [22] / es zog ihn von hinnen,
er wusste, was Angst heißt, / kroch in alle Winkel:
ihr Kampf sei sein Unglück, / wenn er die Kosten zahle;
traurig sei sein Tag / der Trennung von den Schweinen,
von aller Habe, / die er zu eigen hatte.
Der Hafenhüter erschrak und hielt nicht Stand;
Er krisch und klagte und kroch in alle Winkel:
Ihr Streit bekam ihm schlecht, den er schuldlos büße;
Unselig sei der Tag, da er von der Schweinmast käme
Und der feisten Kost, der er lang sich erfreut.
62 Sie zerrten hervor ihn / und zückten das Messer;
aufschrie der Elende, / eh das Eisen er spürte:
Muße wollt er sich machen, / Mist zu streuen,
das schmutzigste schaffen, / wenn er Schonung fände;
glücklich sei Hjalli, / behielte er sein Leben.
Budlis Schergen zogen und schliffen das Messer;
Der arme Schalk schrie eh er die Schärfe fühlte:
Nicht zu alt noch war er die Äcker zu düngen;
Gern schaff er das Schmählichste, wenn er Schonung fände,
Und lache dazu, behielt er das Leben nur.
63 Sorge trug Högni, / solches tun wenige,
zu fördern den Feigling, / dass er davon käme:
"Der Spaß dünkt mich leichter, / dies Spiel zu beginnen;
was wollen wir weiter / solch Gewinsel hören?"
Högni beriet sich, so rasch tat es keiner,
Für den Gimpel zu bitten, dass er entginge.
"Dies Spiel besteh ich viel leichter selber:
Wer wollte weiter solch Gewinsel hören!"
64 Sie fassten den volkskühnen; / da fand sich kein Ausweg
für die tapfern Recken, / die Tat zu verhögern. [23]
Högni lachte, / es hörten die Mannen:
Kraft zeigen konnte er, / Qualen ertrug er.
Sie ergriffen den Guten: es gab keine Wahl mehr
Des raschen Recken Gericht zu verschieben.
Hell lachte Högni, es hörten die Männer
Wie kampflich er konnte die Qual erdulden.
65 [24] Die Harfe nahm Gunnar, / er griff mit den Fußzweigen [25]
die Weiber weinten, / so wusst er zu spielen.
Es klagten die Krieger, / die den Klang hörten;
die Balken barsten. / Der Frau gab er Botschaft.
Die Zither nahm Gunnar, mit den Zweigen der Füße
Könnt er sie schlagen, dass die Schönen klagten,
Die Helden sich härmten, die ihn hörten spielen.
Rat sagt er den Reichen, dass entzwei rissen Balken.
66 Früh war's am Vormittag, / die Fürsten starben.
Bis zuletzt ließen sie / leben ihre Tugend.
Die Teuern waren tot bei Tagesanbruch;
Ihnen überlebte allein die Tugend.
67 Stolz kam sich Atli vor: / er stieg über beide.
Gram sagte er Gudrun; / er begann noch zu schelten:
"Morgen ist's, Gudrun, / du missest die teuren;
Schuld bist du selber, / dass es so gekommen."
Stolz war Atli, stieg über beide,
Sagte Harm der Hehren und höhnte sie noch:
"Morgen ist's, Gudrun: du missest deine Holden.
Du selber hast Schuld, dass es so erging."
68 Gudrun:
"Froh bist du, König, / du kündest totschlag;
Reue ergreift dich, / wenn du's recht erkanntest.
Das nimmst du als Nachlass, / nennen will ich's dir:
nie endet dein Unheil, / eh auch ich gestorben."
Gudrun:
Nun freust du dich, Atli, ihren Fall zu berichten.
Doch übel gereut's dich, wenn du alles weißt.
Was sie dir vermachten, ich meld es dir jetzt:
Stete Besorgnis; ich sterbe denn auch.
69 Atli:
"Um solches sorg ich nicht; / ich seh einen Ausweg,
schicklicher scheint er mir, / oft verschmäht man gutes:
Mägde sollen dich trösten, / treffliche Kleinode,
schneeweißes Silber, / wie du selber es wünschest."
Atli:
Dem werd ich wehren, ich weiß andern Rat,
Noch halbmal hilfreichern; unser Heil verschmähn wir oft.
Mit Mägden tröst ich dich und manchem Kleinod,
Schneeweißem Silber wie du selbst es wählst.
70 Gudrun:
"Der Wahn ist eitel: / ich weigre es immer;
anhob ich Unfrieden, / wo der Anlass kleiner.
Galt manchem für maßlos; / mehr soll's nun geben.
Alles könnt ich leiden, / lebte noch Högni.
Gudrun:
"Das wähne nimmer: ich sage nein dazu.
Sühne verschmäht ich eh solches erging.
Galt ich für grimmig, nun bin ich es gar;
Den Harm verhehlt ich dieweil Högni lebte.
71 Aufzog man uns beide / in einem Hause:
wir wuchsen im Wäldchen, / nicht wenig spielten wir;
Gold und Schmucksachen / schenkte und Grimhild.
Wie büßest du der Brüder / Blut mir mit Gaben;
nichts dafür nähme ich, / das genug mir schiene.
Uns zogen sie auf in einem Hause,
Viel Spiele zusammen spielten wir im Walde.
Grimhild gab uns Gold und Halsschmuck.
Du magst mir nicht büßen meiner Brüder Mord:
Was du tust und lassest, leid ist mir alles.
72 Machtgier der Männer / mindert Frauenglück;
in den Schoß sinkt die Faust, / wenn die Finger erschlaffen;
es wankt der Waldbaum, / wenn die Wurzeln man durchhieb:
allein magst du, Atli, / nun alles beherrschen."
Doch der Frauen Willen wandelt der Männer Gewalt.
Die Krone verdirbt, wenn die Zweige dorren;
Wenn der Bast gebricht, geht der Baum zu Grunde:
Du allein magst, Atli, aller Dinge nun walten."
73 Arg war der Unverstand, / da der Edling dem traute;
fest stand die Falschheit, / wenn Vorsicht er übte.
Verschlagen war Gudrun, / sie verschwieg ihr Denken,
fröhlich erschien sie, / zwei Schilde führte sie. [26]
Aus argem Unverstand schenkt ihr Atli Vertrauen;
Offen war die Arglist, hätt er geachtet drauf.
Schlau hehlte Gudrun des Herzens Meinung;
Leichtsinnig schien sie auf zwei Schultern zu tragen.
74 Sie mehrte den Malztrank / zur Minne den Brüdern;
dasselbe besorgte / den seinen auch Atli.
Bereitet war der Rauschtrank; / ruhen ließen sie's.
Ausging dies Erbmahl Erbmahl: [27] / in übergroße Wirrnis.
Ein Gelage ließ sie rüsten zum Leichenschmaus der Brüder;
Atli wollte auch seine Toten ehren.
Sie ließen die Rede, das Gelage zu beschicken,
Dass Füll und überfluss bei der Feier war.
75 Starr war die stolze, / sie stürzt in Leid ihn:
sie vergalt es dem Gatten / mit grausiger Rache.
Sie lockte die Kleinen, / legte auf die Bank sie.
Die wilden erschraken, / doch weinten sie nimmer;
sie schmiegten in den Schoß sich, / was geschehe, fragten sie.
Streng war die Stolze den Entstammten Budlis:
Gegen den Gatten sann sie grause Rache.
...
...
...
76 Gudrun:
"Danach fragt nimmer! / Vernichten will ich euch:
Lust hatt' ich lange, / euch vom Leben zu heilen."

Die Knaben:
"Hinschlachten kannst du uns, / dich hindert keiner;
nicht ruht die Rachgier, / wenn du's recht erprobst."
Ohne Übersetzung
77 Die Kindheit verkürzte / die kampfschnelle den Brüdern;
es kam, wie es sollte, / die Kehlen durchschnitt sie.
Der Fürst drauf fragte, / ob sie fortgelaufen,
die Söhne, zum Spielen; / denn er sah sie nirgends.
Ohne Übersetzung
78 Gudrun:
"Ich muss mich vermessen, / zu melden dem König;
nicht trachtet dich zu täuschen / die Tochter Grimhilds.
Nicht freut dich's, Atli, / erfährst du alles.
Viel weh wirktest du, / da du die wackern fälltest.
Ohne Übersetzung
79 Selten nur schlief ich, / seit sie erschlagen.
Hartes verhieß ich dir; / heute denke dran!
vom Morgen sprachst du, / das gemahnt mich immer;
anbrach nun der Abend, / wo die Antwort du hörest.
Ohne Übersetzung
80 Die Söhne verlorst du, / wie du zuletzt es solltest:
als Schalen beim Biertrunk / sind gebraucht ihre Schädel;
so braut ich das Bier dir: / ihr Blut mischt ich drunter.
Ohne Übersetzung
81 Der Brüder Herzen / briet ich am Spieße;
ich kam mit der Kost zu dir, / Kalbfleisch nannte ich's.
Alles genossest du, / nichts blieb da übrig,
gebrauchtest die Backzähne, / zerbissest es gierig.
Ohne Übersetzung
82 Der Kinder Los kennst du, / keiner hört schlimmres.
Meines Werkes walt ich, / wahrlich, nicht prahle ich."
Ohne Übersetzung
83 Atli:
"Grimm warst du, Gudrun, / da so grauses du vermochtest,
das Blut deiner Kinder / ins Bier dir zu mischen;
hast vernichtet die Söhne, / was du nimmer solltest.
Bleiben ließest du / zwischen bösem mir wenig."
Ohne Übersetzung
84 Gudrun:
"Schöner schiene mir's, / zu erschlagen dich selber:
Not trifft genug doch / nie solchen Fürsten.
Vollführt hast du früher, / das Volk kennt kein Beispiel,
Wahnsinn, Gewalttat, / auf der Welt hinieden.
Nun häuftest du's noch höher, / als bisher wir's wussten:
das ärgste verübtest du; / dein Erbmahl begingst du." [28]
Ohne Übersetzung
85 Atli:
"Auf Scheitern verschwele, / zerschlagen von Steinen!
Dann hast du das Ende, / wonach du immer strebtest."

Gudrun:
"Selbst sag dir solche / Sorgen am Morgen! [29]
Edler will ich ausgehn / zum andern Lichte."
Ohne Übersetzung
86 Sie saßen zusammen, / sandten sich Feindeswunsch,
kannten nur Hassworte; / Behagen fand keiner. -
Hass wuchs in Hniflung: [30] / auf Heldenwerk sann er;
er erklärte vor Gudrun, / er sei grimm dem König.
Ohne Übersetzung
87 Vor Augen trat der edeln / der Ausgang Högnis;
Ruhmestat nannte sie's, / wenn er Rache gewönne.
Erschlagen war da Atli, / nicht schwanken sie lange:
selbst schlug ihn Gudrun / und der Sohn Högnis.
Ohne Übersetzung
88 Der rasche zur Rede griff, / er entrang sich dem Schlafe,
nicht brauchte er Verbandzeug, / spürte bald das Ende:
"Antwortet ehrlich, / wer hat Atli erschlagen?
Hart ist mir mitgespielt; / nicht hoff ich zu leben."
Ohne Übersetzung
89 Gudrun:
"Nicht trachtet, dich zu täuschen, / die Tochter Grimhilds:
ich hab es ausgeführt, / dass zu Ende dein Leben,
und auch Högnis Erbe, / dass dich hinstreckt die Wunde."
Ohne Übersetzung
90 Atli:
"Du schrittest zum Totschlag, / ob schändlich die Tat war:
treulos ist's, zu täuschen / das Vertrauen des Freundes.
Atli:
Zum Mord riss dich Wut, zum widernatürlichen.
Falsch ist's, den Freund täuschen, der fest vertraut.
91 Auszog ich eifrig, / dich Edle zu werben;
herrisch hieß man dich, / pries hoch die Witwe.
Wohl wir's gewahrten: / kein Wahn war die Kunde.
Her zogst du heimwärts; / eine Heerschar folgte.
Erbeten fuhr ich dich zu freien von Haus,
Die verwaiste Witwe, die wildherzig hieß:
Keine Lüge war es, das ließest du schauen.
Wir holten dich ein mit großem Heergeleit.
Alles war auserwählt bei unsrer Fahrt.
92 Alles war üppig / in unserm Leben:
Ehre war überall / von edeln Männern;
reich war die Kinderschar, / recht genossen wir's;
unser gut war glänzend, / wir begabten viele.
Aller Pracht war genug durch preiswerte Gäste,
Rinder in Vorrat, die uns reichlich nährten.
Fülle war und überfluss, viele genossen es.
93 Mahlschatz zahlt ich dir, / eine Menge Kleinode,
sieben Dienerinnen / und dreißig Knechte,
Ruhm war in solchem, / noch reicher war das Silber.
Zum Mahlschatz vermacht ich dir Menge des Schatzes,
Knechte zehnmal drei, und zierer Mägde sieben,
Ein schön Geschenk; des Silbers war viel mehr.
94 So galt dir das ganze, / als ob gar nichts es wäre:
du verlangtest die Länder, / hinterlassen von Budli;
du wühltest fortwährend, / zu gewinnen gab's nichts. [31]
Meine Mutter triebst du / zu Tränen oftmals;
nie fand ich uns Hausleute / in Frieden beisammen."
Das nahmst du alles hin als war es nichts,
Nach dem Lande verlangend, das Budli mir ließ.
Fallstricke flochtst du mir, ich empfing nichts andres.
Die Schwieger ließest du oft sitzen in Tränen;
Heiter hielten wir niemals Haus.
95 Gudrun:
"Das lügst du, Atli, / doch acht ich's wenig:
sanft war ich selten; / doch sehr überbotst du mich:
bald wuchs euch Bruderzwist, / bitter strittet ihr;
zur Hel ging die Hälfte / aus deinem Hause;
nieder sank alles, / was euch nützen sollte. [32]
Gudrun:
Nun lügst du, Atli! Doch lass ich's bewenden.
Selten war ich sanft; doch sätest du Zwist.
Unbändig strittet ihr jungen Brüder,
Dass zu Hel die Hälfte deines Hauses fuhr:
Zu, Grunde ging alles, was Glück bringen sollte.
96 Wir drei Geschwister [33] / dünkten uns trutzig;
wir fuhren zur Ferne, / wir folgten Sigurd.
Sein Schiff lenkte jeder, / sie schossen vorwärts;
wir eilten ins Blaue, / bis wir ins Ostland kamen. [34]
Wir drei Geschwister dauchten unbezwinglich;
Wir fuhren von Lande in Sigurds Gefolge,
Schweiften und steuerten, sein Schiff ein jeder,
Auf unsichern Ausgang ins östliche Land.
97 Wir fällten den Fürsten, / erfochten Land uns;
die Hersen schworen Treue: / sie trieb die Furcht vor uns.
Wir befreiten aus dem Walde, / wem wir Frieden wünschten;
wir setzten in Habe, / die selbst nichts hatten.
Einen Fürsten fällten wir; uns fiel sein Land zu.
Die Hersen huldigten: wir waren die Herrn.
Nach Willkür riefen wir aus dem Wald Verbannte,
Gaben dem die Macht, der keinen Deut besaß.
98 Tot ward der tapfre; [35] / das traf mich jählings:
Weh schuf's der jungen, / Witwe zu heißen;
arg war das Übel, / zu Atli zu kommen:
bisher war ein Held mein, / hart war der Abstieg.
Jener Hunnische starb, mein Stand ward geniedert;
Herb war der Jungen Harm verwitwet zu heißen:
Doch härtere Qual war's, in Atlis Haus zu kommen
Der Vermählten des Mannes, den zu missen schwer war.
99 Nie kamst du vom Thinge, / dass wir dieses hörten,
wie du Klagen begannest / und die Gegner beugtest:
du wolltest nur weichen, / nie zur Wehr dich setzen,
alles annehmen, / was andre dir taten."
Nie kamst du vom Kampf, dass uns Kunde ward,
Du habest Streit gesucht und Sieg dir erfochten.
Stets wolltest du weichen, nicht Widerstand tun,
Dich heimlich halten, was Hohn schuf dem Fürsten.
100 Atli:
"Das lügst du, Gudrun! / Das Los wirst du wenig
besern uns beiden; / böses litten wir.
Nun vergiss nicht der Güte: / Gudrun, uns beiden
tu, was uns ehret, / trägt man hinaus mich!"
Atli:
Nun lügst du, Gudrun! So linderst du nicht
Unser herbes Geschick, das hart ist beiden.
Gönne nun, Gudrun, durch deine Güte
Uns die letzte Ehre beim Leichenbegängnis.
101 Gudrun:
"Will ein Seeschiff kaufen, / einen Sarg, einen bunten,
das Linnen wachsen, / deine Leiche zu schützen,
alles bereuen, / als ob traut wir wären." [36]
Gudrun:
Einen Kiel will ich kaufen und gemalte Kiste,
Das Leintuch wachsen, das den Leib verhülle,
Auf alle Notdurft achten als ob wir uns liebten. -
102 Zur Leiche ward Atli; / Leid wuchs den Sippen.
Was die hehre verheißen, / das hielt sie alles.
Wandern nun wollte / die weise zum Tode:
ihr Ende fand aufschub; / zu andrer Zeit starb sie.
Tot war nun Atli, die Freunde trauerten.
Da hielt die Hohe alle Verheißung.
Nun sann sich Gudrun selber zu töten;
Doch gelängt war ihr Leben, andrer Tod ihr verliehn.
103 Selig heißt immer, / wem Erben erwachsen
von gleicher Heldenkraft, / wie sie Gjuki zeugte:
lange soll leben / in den Landen allen,
wo das Volk es erfahren, / ihr furchtloses Trutzwort.
Selig heißt seitdem dem solch eine kühne
Tochter gegönnt ist, wie Giuki zeugte.
In allen Landen überleben wird
Der Vermählten Feindschaft, wo sie Menschen hören.

Referenzen[]

  1. d.h. die Boten sollten über See segeln zu den Gjukungen. Dieser Grönländer denkt sich ein Meer zwischen den beiden Reichen.
  2. Gudrun gibt den Boten einen Runenstab mit, der ihre Brüder warnen soll; der eine der beiden Boten durchschaut die Zeichen und entstellt sie, Siehe 9,7; 12
  3. Limafjord: so heißt eine Meerenge im nördlichen Jütland.
  4. Diese Frauen der beiden Brüder gehören zu den Zutaten unsres Dichters.
  5. Gemeint ist Gunnar.
  6. Das einfache Bera kann für das zusammengesetzte Kostbera eintreten 15ff. diese Träume sind allgemeine Schreckbilder, keine durchsichtigen Gleichnisreden; sie vertreten also noch die älteste Art, vgl. Nr. 33 Str. 18 und Nr. 44 Str. 37
  7. Der Schutz- oder Folgegeist eines Menschen kann in tierischer Hülle einem andern erscheinen.
  8. Nämlich Gunnar und Glaumwör.
  9. der Götteruntergang
  10. ergänzt nach der Wölsungensaga
  11. Die toten Frauen sind Abgesandte der Hel
  12. d.h. sie hätten die doppelte Zahl aus ihrem Hofgefolge mitnehmen können; dass sie dies unterließen, war schlecht bedacht. Man bemerke hier und in Str. 53 die kleinen Verhältnisse, die unserm Grönländer vorschweben.
  13. Auch diese Gestalten hat unser Dichter erfunden.
  14. Schildbaum, skaldische Umschreibung für Krieger.
  15. 18 fielen, bis die Hunnen die Oberhand gewannen.
  16. Der Endreim gehört dem Urtexte.
  17. Der ungeschickte Urtext kann nicht anders verstanden werden, als dass zwei der Brüder schon früher hingegangen sind (siehe 95,7) die zwei übrigen jetzt im Kampfe fielen.
  18. Zielt auf Sigurds Hort, den die Schwäger nicht herausgaben. Die einzige Stelle, worin die alte Triebkraft der Nibelungenot, Attilas Hortgier, bei dem Grönländer anklingt.
  19. Diese gehäuften Greuel entspringen der Phantasie unseres Dichters. Doch birgt sich wohl in dem 'Verhungernlassen in der Höhle' ein trüber Schein des niederdeutschen Sagenzuges, dass Atli selbst in die Höhle des Nibelungenhortes eingeschlossen wurde und dort seinen Tod fand.
  20. 60ff.: aus dem alten Zwischenspiel mit dem Herzausschneiden (siehe Nr. 34 Str. 21ff.) hat der Dichter etwas Neues gemacht, indem er Gunnar und den Hort beiseite ließ, die niedere Gestalt des Koches ausmalte und den Gegensatz des Feiglings zum Helden Högni in sichtbarer Handlung darstellte.
  21. Budlung = Budlis Sohn = Atli
  22. Topfhüter, Umschreibung für Koch;
  23. Dem Dichter schwebt wohl das häufige Wandermotiv vor: man muss dem Auftraggeber ein herausgeschnittenes Herz zeigen und will ihn durch ein anderes, gewöhnlich ein Tierherz, täuschen. Da es hier, dank Högnis eigner Fürspache, nicht zustande kommt, muss man sich an den Helden selbst halten.
  24. Das vorangehende Schicksal Gunnars hatten vielleicht verlorene Verse erzählt. Str. 65 nennt nicht einmal Schauplatz und Umstände; aber man wird, nach dem kürzeren Liede, den Schlagenhof ergänzen dürfen.
  25. Die Zweige des Fußes sind die Zehen.;
  26. d.h. sie spielte ein doppeltes Spiel.
  27. eigentlich das Gelage, womit der Erbe feierlich in seine Rechte eintritt, dann für Leichenschmaus überhaupt.
  28. 'Das ärgste' ist das Verschmausen der Kinderherzen. Gudrun hat die Ermordung ihres Gatten schon beschlossen und endet darum mit der Drohung: du hast damit deinen eigenen Leichenschmaus abgehalten.
  29. Der Reim gehört dem Urtext, ebenso 86,2,3
  30. Als Helfer bei der Rachetat erscheint hier unversehens ein Sohn Högnis, über dessen Dasein wir gar nicht belehrt sind und der einen erfundenen, aus Nibelung entstellten, Namen trägt. Der Dichter hat hier etwas aus niederdeutscher Sage aufgeschnappt und es in seinen Bericht hereingezwungen.
  31. Eine dunkle und wahrscheinlich lückenhafte Stelle. Die Meinung ist wohl, dass Gudrun das ganze Erbe Budlis in der Hand ihres Gatten sehen wollte und ihn zu der Vernichtung seiner Brüder anreizte.
  32. Auch der geschickte Attila hat einen Bruder weggeräumt; aber in keiner anderen Sagenquelle lebt dieser Zug nach.
  33. Gudrun, Gunnar und Högni; der jüngste, Guttorm, war bei diesen Taten noch nicht beteiligt. Diese zwei Gesätze zeichnen die mit Sigurd verlebten stolzen Jahre mit Zügen des Wikingtums und der privaten Gerichtsfehden.
  34. Für den Grönländer liegt der Schauplatz aller Taten im Osten.
  35. Nämlich Sigurd.
  36. Das Schiff, das den Toten aufnehmen soll, entstammt heidnischer, der Sarg christlicher Anschauung.
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